Munich American
Peace Committee (MAPC)
Radio Lora, 10. November 2008
Alternative Radio
Michael Parenti
Bürgerrechte, Gleichberechtigung und die Abschaffung der Klassengesellschaft
Arcata, CA. 9. April 2006
Michael Parent, einer der führenden unabhängigen politischen
Analytiker der USA, lehrt an renommierten amerikanischen und vielen
ausländischen Universitäten. Er ist der Autor
zahlreicher Bücher, darunter "Democracy for the Few",
"Against Empire" und des mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten
Klassikers "The Assassination of Julius Caesar". Zuletzt erschien von
ihm "The Culture Struggle".
Je öfter die Zugehörigkeit zu einer Rasse, einem Geschlecht
oder einer Klasse als Einheit angesehen werden, umso größer
ist die Gefahr, zu übersehen, wodurch sie sich unterscheiden.
Lassen Sie mich zunächst einen Blick auf die
Klassenzugehörigkeit werfen. Man kann sie, wie Rasse und
Geschlecht, als demografische Gegebenheit ansehen, wonach Status,
Beruf, Lebensstil und Einkommen durch die Herkunft bestimmt werden. Das
ist jedoch nur eine Sichtweise. Denn anders als beim Kampf für
Rassengleichheit und Frauengleichberechtigung ist ein Ende des
Klassenkampfes noch lange nicht in Sicht.
Klassen bestehen aus einem engen Beziehungsgeflecht. Ohne Arbeiter und
Angestellte keine Plutokraten und Kapitalisten; ohne Sklaven keine
Sklavenhalter, ohne Leibeigene keine Feudalherren. Während die
einen Bergwerke, Fabriken, Landgüter, Häuser,
Ländereien, Zeitungen und Medien besitzen, haben die Anderen
nichts als ihre Arbeitskraft, die sie ihnen verkaufen können.
Wenn ich von Besitz und Klassenkampf spreche, dann meine ich die
gigantischen Multimilliarden-Gesellschaften und ganz gewiss t nicht die
kleinen Familienunternehmen, denen wir viele Arbeitsplätze
verdanken. Reichtum, Macht und Dynamik liegen in den Händen
einiger weniger transnationaler Firmen. Sie sind die Elefanten, die mit
den kleinen Eichhörnchen spielen. Wöchentlich werden 600 von
ihnen zermalmt. Und anders als Chrysler, McDonnell Aircraft, Boeing,
die Illinois Bank und viele andere multinationale Firmen, erhalten sie
keinerlei Entschädigungen. Die Kleinen und Mittleren schaffen
Arbeitsplätze, während die Großen höchstens
Wal-Mart und McDonald`s Jobs zu bieten haben und General Motors
Fabriken schließt und Arbeitsplätze auslagert. Wer über
Reichtum spricht, muss auch über Armut sprechen. Auch sie
gehören zusammen. Ohne Elendsviertel gäbe es in Rio de
Janeiro keine Luxushotels, denn die Reichen werden nur mit Hilfe der
Armen reich, sie sind es, die den Reichtum schaffen. Das ist die schon
von Karl Marx beschriebene Umverteilung von unten nach oben. von denen,
die arbeiten, zu denen, die nicht von ihrer Hände Arbeit leben.
Wenn Rupert Murdoch oder David Rockefeller sich nur kurz in ihren
Büros aufhalten, verdienen sie mehr Geld als unsereiner in einer
Woche oder in einem Jahr. Und wer nicht von seinem Arbeitgeber
ausgebeutet wird, den beutet der Staat mit ungerechten Steuergesetzen
aus. Als Pharmahersteller brauche ich nur diesem Kongressabgeordneten
5000 Dollar zu geben, jenem Senator 10 000 und dem republikanischen
Nationalkomitee 30 000 und schon erlassen sie ein Gesetz, das mich um
eine Billion Dollar reicher macht. Das Riesendefizit der Bush Regierung
geht darauf zurück, dass die Bürger ihre Steuern an
diejenigen bezahlen müssen, denen die Regierung Geld schuldet.
Anstatt von den Reichen Steuern zu verlangen, leiht sich die Regierung
Geld von ihnen und gewährt ihnen auf Kosten des kleinen
Steuerzahlers großzügige Steuernachlässe.
-2 -
Was den Rassismus betrifft, so beschränkt sich die intellektuelle
Diskussion in den USA lediglich auf die Einstellung zum Rassismus und
ignoriert die sich dahinter verbergenden materiellen Interessen und
sozialen Strukturen. Es wird viel darüber geredet, dass Rassismus
schlecht sei und man unbedingt etwas dagegen tun müsse. Auch Bill
Clinton ließ sich gerne zusammen mit weißen und schwarzen
Familien photographieren. Aber es geht nicht nur darum, den Rassismus
aus unseren Herzen und unseren Gehirnen zu verbannen. Wir müssen
erkennen, dass die größte Macht der Welt auf
institutionalisiertem und systemimmanentem Rassismus und Sexismus
aufgebaut ist.
In unserer modernen kapitalistischen Gesellschaft steigen die
Löhne bei Vollbeschäftigung und sinken automatisch sobald
genügend Arbeitskräfte vorhanden sind. Von diesen niedrigen
Löhnen sind besonders die ohnehin schon benachteiligten
Bevölkerungsgruppen betroffen, also Frauen, Kinder, Migranten und
ethnische Minderheiten. Sie sind gezwungen, jede, auch noch so schlecht
bezahlte Arbeit anzunehmen. Sobald Frauen gleiche Löhne wie
Männer fordern, werden sie entlassen und durch Männer ersetzt.
Rassismus und Sexismus tragen noch zu einer weiteren - von den
Wirtschaftseliten durchaus gewollten - Spaltung der ums nackte
Überleben Kämpfenden bei. Anstatt einen Arbeitskampf gegen
ihre Bosse zu organisieren, verprügeln die Männer ihre Frau.
Vor ca. 2 400 Jahren empfahl Aristoteles den reichen Landbesitzern, nur
Sklaven unterschiedlicher Nationalität und unterschiedlicher
Muttersprache zu beschäftigen. Und bis heute befolgen
amerikanische Öl- und Bergbaugesellschaften seinen Rat. Dort
arbeiten Schweden, Ungarn, Italiener und Polen nebeneinander,
ohne miteinander kommunizieren zu können, ohne sich solidarisieren
zu können.
Im 16. Jahrhundert arbeiteten noch weiße Bedienstete und schwarze
Sklaven friedlich Seite an Seite und heirateten unter einander, bis das
Gesetz gegen gemischtrassige Ehen erlassen wurde, das bis 1967 galt.
Das zeigt doch, dass Rassismus nicht angeboren ist, sondern erlernt und
befohlen wird. Genauso verhielt es auch mit dem Antisemitismus. Tausend
Jahre lang wurde er den europäischen Bauern von ihren weltlichen
und kirchlichen Herren gepredigt, bis sie begannen, sich nach
Jahrhunderten friedlichen Zusammenlebens, vor den nun
dämonisierten, gettoisierten und diskriminierten Juden zu
fürchten. Und es brannten die Synagogen der unschuldigen Juden und
nicht die Burgen und Kathedralen der Ausbeuter.
In den USA waren die Kolonialregierungen stets bemüht, Zwietracht
zu säen und die Indianer gegen die Schwarzen und arme Weiße
gegen beide Gruppen aufzubringen.
Seit den 1960er und 70er Jahren betreibt man auch in den US
Gefängnissen diese Art der Rassenhetze. In Denver wurde ein
Häftling sogar wegen versuchter "Rassenzusammenarbeit" angeklagt!
So lässt sich auch der Einfluss der Gewerkschaften schwächen.
Denn das Beispiel des amerikanischen Südens zeigt, je krasser die
Rassentrennung, umso niedriger die Löhne.
Früher, in Lateinamerika, Afrika und Asien haben die
nordamerikanischen und europäischen Kolonialherren ein Volk gegen
das andere, einen Stamm gegen den anderen aufgehetzt, meist mit Geld,
Waffen, Gerüchten, Überfällen oder Mordanschlägen.
Auch die Habsburger spielten eine Nation gegen die andere aus. In
Vietnam stachelte die CIA den Stamm der Hmong auf. Die CIA
Unterstützung der UNITA in Angola bezahlten 2 Millionen Angolaner
mit ihrem Leben. Ähnlich erging es in Nicaragua den Mesquito
Indianern während des Sandinista Regimes. In Jugoslawien
unterstützten die westlichen Geheimdienste die
rückwärtsgewandten Elemente in Kroatien. Sie
unterstützten Franjo Tudjman, den Faschisten, der im 2. Weltkrieg
mit den Nazis kollaboriert hatte. In Bosnien unterstützten sie
Izetbegovic, der sowohl der Hitler SS als auch der muslimischen SS
angehört hatte, die Juden, Serben und Sinti und Roma in das
berüchtigte Konzentrationslager von Jasenovac verschleppten, wo
sie unter unsäglichen Leiden ermordet wurden. Das sind die Freunde
der USA, von Bill Clinton, des Weiße Hauses, der Medien und der
CIA. Doch dieselben Leute, die sich heute darüber empören,
dass Bush den Irak überfallen hat, befürworteten damals
Clintons Bombenangriffe auf Jugoslawien. Er zerschlug ein wohlhabendes,
sozialdemokratisches Land, in viele kleine, rechtsgerichtete Republiken
mit privatisierter Wirtschaft, hoher Arbeitslosigkeit und
blühender Prostitution. Und das nur, weil Jugoslawien nicht in die
NATO wollte.
- 3 -
Auch Imperialismus ist eine der Wurzeln des Rassismus. Wobei es den
Imperialisten völlig egal ist, welche Hautfarbe ihre Opfer haben.
Sie interessieren sich nur für die Bodenschätze oder die
billigen Arbeitskräfte. Werden sie später für ihre
Verbrechen zur Verantwortung gezogen, dann behaupten sie stets, dass es
sich bei den Ausgebeuteten nicht um menschliche Wesen, sondern um Tiere
oder böse Monster gehandelt habe.
Das Gleiche passierte auch den Frauen. Seit ca. 5 Millionen Jahren
werden diese angeblich so schwachen, dummen und leichtfertigen Wesen
von den Männern unterdrückt. Für Christen sind sie die
Personifizierung des Bösen.
Heute sind - besonders unter Konservativen und in den
Massenmedien - Rassendiskriminierung und der Kampf für gleiche
Rechte für Männer und Frauen ein beliebtes Thema. Um von
Klassenunterschieden abzulenken, reden sie ständig von
Familienwerten. Und nur ungern werden sie daran erinnert, dass George
Bush Senior und Ronald Reagan als Abgeordnete - um die Zahl der
Sozialhilfeempfänger niedrig zu halten - für Abtreibung
gestimmt hatten. Erst als sie um die Stimmen der katholischen und
protestantischen Wähler fürchten mussten, wurden sie zu
entschiedenen Gegnern von Abtreibung und der Anerkennung
gleichgeschlechtlicher Ehen. Das hinderte etliche besonders
konservative Politiker aber nicht daran, privat Familienwerte mit
Füßen zu treten.
Nur ganz selten fallen die Rassen- und Geschlechterschranken und
Afroamerikaner, Latinos, Asiaten, Philippinos , Weiße und
Schwarze, Männer und Frauen streiken Schulter an Schulter
gemeinsam für Stahlwerker, Kohlearbeiter, Dockarbeiter, Lehrer und
Krankenhausangestellte. Wie wichtig die Solidarität der
Arbeiterklasse ist, zeigen auch die meist nur inoffiziellen
Sterblichkeitszahlen, denn unabhängig von Rasse oder Geschlecht.
sterben Arbeiter früher und erkranken häufiger als besser
bezahlte Angestellte und Manager.
Heute gelten gleiche Rechte für Männer und Frauen, für
Weiße und Nichtweiße und es gibt Frauen, sogar schwarze
Frauen, in hohen Regierungsämtern. Aber woher kommen sie? Welcher
Gesellschaftsschicht gehören sie an? Keine von ihnen steht
für das Ende der Klassendiskriminierung.
Rassen- und Geschlechtübergreifendes Klassenbewusstsein entwickelt
sich erst ganz allmählich und wird von der etablierten
Wissenschaft geflissentlich übersehen. Erst wenn die Opfer des
Rassismus, des Sexismus, der Homosexuellenfeindlichkeit aufhören,
immer nur ihr eigenes Schicksal zu beklagen, anstatt gemeinsam die
Verursacher ihrer Probleme zu bekämpfen, werden wir auf dem
richtigen Weg in zu einer gerechteren Gesellschaft sein. Denn
diejenigen, die den Rassismus schüren, gegen Homosexuelle und
Lesben hetzen und Abtreibung verteufeln, sind die Gleichen, die den
Irak bombardieren, die Reichen mit Steuerkürzungen beglücken
und die sozialen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts abzuschaffen
versuchen.