Amal-Saad-Ghorayeb
Die Hisbollah
– eine Partei wie jede andere?
Die libanesische
Wissenschaftlerin, Amal Saad-Ghorayeb, gilt als anerkannte Hisbollah
Expertin. Sie unterrichtete Politikwissenschaft an der
libanesisch-amerikanischen Universität in Beirut und ist heute
Gastprofessorin an der Beiruter Carnegie Stiftung für
Friedensforschung.
Der folgende Text ist eine kurze
Zusammenfassung des Interviews, das sie David Barsamian von Alternative
Radio am 19. Juni 2007 gegeben hat.
DB: Im Sommer 2006, während des israelisch-libanesischen Krieges, berichteten die amerikanischen Medien stets nur über die “Terror-Organisation“ Hisbollah. Sie hingegen, beschreiben in Ihrem Buch eine ganz andere Seite dieser bewaffneten Volkspartei.
ASG:
Die
Hisbollah ist nicht nur eine im Parlament und früher auch in
der Regierung vertretene politische Partei, sondern daneben auch eine
bewaffnete Widerstandsorganisation und eine tief in der libanesischen
Bevölkerung verwurzelte soziale Bewegung.
DB:
Die
Schiiten im Libanon haben
kein Wahlrecht, sind politisch
marginalisiert und verarmt. Ist das der Schlüssel zum
Verständnis der Hisbollah?
ASG Der
Hisbollah
gehören schiitische Kommunisten und Linke an genau so wie
arabische Nationalisten. Mit ihrem weit verzweigten Hilfswerk
kümmert sie sich um die Bevölkerung in den
schiitischen Armenvierteln und übernimmt so die Rolle des
Staates.
DB:
Ist
sie also der Staat in einem Nichtstaat?
ASG:
Es
gibt keinen starken libanesischen Staat. Selbst wenn die Hisbollah
bestreitet, ein Staat zu sein, hat sie dennoch genau die Aufgaben
übernommen, die einen Staat ausmachen. Sie – nicht
der Staat - versorgt ihre Wähler mit Gütern des
täglichen Bedarfs und beschützt sie vor den Israelis.
DB: Maronitische Christen und Sunniten haben die Schiiten im Süden lange herablassend, ja beinahe rassistisch behandelt.
ASG: Bevor es die Hisbollah und davor die Amal Partei gab, wurden die Schiiten sogar von ihren eigenen Führern ignoriert. Ihre Diskriminierung ist also nicht so sehr ein religiöses als vielmehr ein Klassenphänomen.
DB:
Wie ist die Hisbollah organisiert?
ASG: Das
weiß niemand so ganz genau. Für einige ist sie eine
autoritäre, hierarchische, stalinistische Partei. Für
mich nicht, denn bei dieser Volksbewegung könnte
Generalsekretär Sayyed Hassan Nasrallah kaum über die
Köpfe der Bevölkerung hinweg weitreichende
Entscheidungen treffen. Andererseits, welche Widerstandsgruppe und
welche Partei ist schon durch und durch demokratisch? Das zentrale
politische Anliegen der Hisbollah sind Fragen der Sicherheit und der
militärischen Verteidigung.
DB: In den USA wird die Hisbollah
oft als Stellvertreter Irans und/oder Syriens gesehen. Wie
unabhängig ist sie wirklich?
ASG: Ich glaube,
dass sie immer unabhängiger von ihren Sponsoren und
Verbündeten Iran und Syrien wird. Allein die Tatsache, dass
90% der libanesischen Schiiten die Hisbollah unterstützen,
beweist, wie autonom sie inzwischen geworden ist.
- 2 -
DB:
Martin Indyk, der frühere US Botschafter in Israel, machte im
September 2006 die Hisbollah für das Beiruter Bombenattentat
von 1983 und die dabei getöteten 241 US Marines verantwortlich. Gibt es
dafür Beweise und was machten die Marines eigentlich im
Libanon?
ASG: 1983 gab es
die Hisbollah noch gar nicht. Vermutlich war die islamische Amal, die
Vorgängerin der Hisbollah, dafür verantwortlich.
Für Libanesen galten die Marines nie als neutrale
Friedensstifter. Sie waren Kriegsgegner, die sich aktiv am
Bürgerkrieg beteiligten, muslimische Wohnviertel bombardierten
und Libanesen töteten. Ihr Tod war also kein Terrorakt.
DB: Wie finanziert
die Hisbollah ihre sozialen Einrichtungen?
ASG: Auch wenn
die Hisbollah es bestreitet - selbstverständlich wird sie von
Iran unterstützt. Aber sie erhält auch viele Spenden
von religiösen oder weltlichen Organisation, Gruppen und
Einzelpersonen. Darüber hinaus verdient sie Geld mit
Investitionen und Handelsgeschäften.
DB: Welche
Medienpolitik betreibt die Hisbollahs?
ASG: Die Medien
sind ein wichtiger Arm der Hisbollah. Bei der Intifada von 2000
spielten sie eine bedeutende Rolle. Damals hat der Sender al-Manar dazu
beigetragen, dass die gesamte arabische Welt - Sunniten wie Schiiten -
die Hisbollah unterstützen.
DB: Generalsekretär
Nasrallah war früher Guerillakämpfer. Was wissen Sie
noch von ihm?
ASG: Er gilt als
einer der charismatischsten Führer der arabischen Welt. Seit
dem Sieg von 2006 ist sein Ansehen weltweit gewachsen, nicht zuletzt,
weil sein eigener Sohn in diesem Krieg gegen Israel gefallen ist.
DB: Nach dem Abzug
der israelischen Truppen aus dem Libanon im Jahr 2000 hatte
man befürchtet, dass es zu Chaos, religiösen
Konflikten und Racheakten kommen würde.
ASG: Kein
einziger Mensch wurde getötet oder verletzt. Es gab keine
Racheakte und keine Jubel- oder Siegesorgien. Ist das nicht der beste
Beweis dafür, dass die Hisbollah eine
äußerst disziplinierte Organisation ist, die nicht
auf ihre Landesleute schießt.
DB: Warum identifiziert
sich die Hisbollah so stark mit den Palästinensern?
ASG: Die
Gründung der Hisbollah war die Reaktion auf die israelische
Besetzung des Libanon. Deshalb ist es nur logisch, dass man auch die
sunnitischen Palästinenser in ihrem Kampf gegen die
amerikanische und israelische Besatzung materiell, moralisch und
politisch unterstützt
DB: Im
Libanon leben über 400 000 Palästinenser in 12
Flüchtlingslagern. Erst kürzlich kam
es in der Nähe von Tripolis zu bewaffneten
Auseinandersetzungen zwischen der, der al Qaida nahe stehenden Gruppe
Fatah al Islam und der Armee.
ASG: Das Problem
der Flüchtlingslager ist nicht die Sicherheit, sondern die
Verelendung. Um ihr Rückkehrrecht aufrecht zu erhalten, werden
die Flüchtlinge daran gehindert, einen vernünftigen
Beruf auszuüben und sich so eine Existenz aufzubauen. Das ist
der beste Nährboden für jede Art von Extremismus.
Deshalb muss endlich eine Lösung gefunden werden, wonach die
Flüchtlinge – wie in Jordanien
- in die Gesellschaft integriert werden, ohne ihr Recht
auf Rückkehr zu verlieren.
- 3 -
DB:
Welche Auswirkungen hatten der Irakkrieg und die Besetzung des Irak auf
den Libanon?
ASG: Es wurde
deutlich, dass die USA planen, mit Bürgerkrieg und Terror
einen neuen Mittleren Osten ohne demokratische Rechte zu schaffen, um
ihre eigenen und die Interessen Israels durchzusetzen. Die Libanesen
fürchten, dass der von den USA gewollte oder
ausgelöste Religionskrieg als Modell für andere
arabische Staaten dienen könnte
DB: Welche
religiösen und politischen Bande bestehen zwischen der
Hisbollah und dem Irak, der Heimat der zwei wichtigsten schiitischen
Wallfahrtsorte Nadschaf und Karbala?
ASG: Es bestanden schon immer enge kulturelle und familiäre Beziehungen zwischen den iranischen, libanesischen und irakischen Schiiten. Daraus ergibt sich jedoch nicht automatisch auch ein politisches Zusammengehen. So hat z.B. die Hisbollah die Willfährigkeit der Maliki Regierung gegenüber den USA wiederholt kritisiert.
DB:
Als der frühere Premierminister Rafik Hariri am 14. Februar
2005 bei einem Autobombenattentat ums Leben kam, löste dies
die so genannte Zedern Revolution aus.
ASG: Die
Ermordung Hariris hat das Gesicht des Libanons verändert. Die
Syrer zogen ab und die Amerikaner machten sich breit. Deshalb ging es
bei dem Streit zwischen der Opposition und der Bewegung um Hariris Sohn
Saad nicht um für oder gegen Syrien, sondern um für
oder gegen die Bush Regierung.
DB: Nach
ihrem Wahlsieg in Palästina im Januar 2006 wurde die Hamas
sofort mit schweren Sanktionen und Boykottmaßnahmen belegt.
Wie ist das Verhältnis der Hisbollah zur Hamas?
ASG: Beide
Gruppen verbindet der Widerstand gegen Israel. Beide haben einen
starken Rückhalt in der muslimischen Bevölkerung,
weshalb beide von den USA als Terrororganisationen bezeichnet werden.
Nur um die Hisbollah ja nicht an die Macht kommen zu lassen, sperrte
sich Washington gegen baldige Wahlen im Libanon, für die man
sich in Palästina noch sehr energisch eingesetzt hatte. Die
Hisbollah unterstützt die Hamas moralisch und politisch und
höchstwahrscheinlich auch mit Militärausbildern.
DB: Der von
vielen hoch verehrte Rafik Hariri hat als Premierminister
rekordverdächtige Schulden
angehäuft. Der Wiederaufbau des Landes erfolgte also mit
geliehenem Geld.
ASG:
…..mit Geld des Internationalen Währungsfonds und
der Weltbank. Wie in vielen anderen unterentwickelten Ländern
wurden diese Mittel nicht gerecht verteilt. So gibt es einerseits das
meist wohlhabende hypermoderne Beirut und andererseits eine
vernachlässigte Landwirtschaft und
rückständige Industrie mit Arbeitern, die nicht von
ihrem Lohn leben können.
DB: Was halten
Sie von Präsident Ahmadinejad
und der iranischen Regierung?
ASG:
Für mich sind seine Provokationen eine Reaktion auf die
Bedrohung Irans durch Israel und die USA. Der Überfall auf den
Irak, die Politik in Palästina und im Libanon, der
ständig drohende Angriff nicht nur auf die Atomanlagen,
sondern auf das ganze Land, haben die Menschen dort sehr verunsichert.
Unabhängig davon, ob man mit seinen Methoden einverstanden ist
oder nicht, muss man Ahmadinejad zugestehen, dass er alles daran setzt,
sein Land, das von amerikanischen Militärbasen umzingelt ist,
gegen die hegemonialen Ansprüche der USA zu verteidigen.
DB: Ein Kapitel
in Ihrem Buch beschäftigt sich mit dem Verhältnis der
Hisbollah zu Zionismus und Judaismus.
ASG: Dabei muss
man deutlich zwischen Antisemitismus und Antijudaismus unterscheiden.
Der Hisbollah und den anderen islamischen Gruppen geht es bei ihren
Auseinandersetzungen nicht um die jüdischen Menschen, sondern
um religiöse Fragen. Natürlich haben die vielen
Kriege zwischen Juden und Muslimen auch zu gegenseitigen
Animositäten geführt, jedoch nie zu einem Rassismus,
wie man ihn in Europa erlebt hat.
DB: Der Fund
for Peace bezeichnet den Libanon als Failed State, als Staat ohne
Hoffnung. Die Intelligenz verlässt das Land und die, die
bleiben, warten auf die nächste Bombe, das nächste
Attentat.
ASG: Der Libanon
war nie starker, souveräner Staat. Er war immer besetzt. Heute
verhindern die USA eine Regierung der nationalen Einheit, in die auch
die oppositionelle Hisbollah eingebunden wäre und die das Land
endlich aus seiner wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen
Krise herausführen könnte.